"Verlorengehen und Wiederfinden" - Teil 1

Es ist verdammt unangenehm über meine Erlebnisse zu schreiben. Vor allem seitdem ich nüchtern bin. Mir ist vieles unwichtiger als vorher und dennoch spüre ich eine gewisse Furcht, mir derart die Blöße zu geben. Vielleicht wäre es einfacher, wären schon ein paar Jahre vergangen. Natürlich habe ich Angst davor, Menschen könnten mich nur nach meinen geschriebenen Worten beurteilen. Und je nachdem wie man diese bewerten möchte, werde ich verurteilt. Ich möchte dennoch darüber schreiben, denn ich weiß nicht wozu es gut ist, stetig so zu tun, als wäre man unantastbar und makellos. Ich habe das Gefühl selbst die Alternativen-Szenen unterliegen oft der Selbstdarstellung und wollen teilweise mehr Außenwirkung bewahren, als tatsächlich nahbar zu erscheinen. Das ist natürlich nur eine Unterstellung, vielleicht teilweise auch eine gerechtfertigte. Es hängt eben von dem Individuum ab, weniger vom Label der Gruppierung. Jedenfalls weiß ich nicht was uns alle vom Mensch-Sein abtrennt, deshalb erzähle ich gerne von meinen Erfahrungen. Vielleicht kann sich ja doch der ein oder andere damit identifizieren und jene die es nicht können, werden eventuell aufgeklärt. 


Nun gut, ich bin also seit etwa 32 Tagen nüchtern.

Darauf bin ich sehr stolz, allerdings kennt diese Nüchternheit auch Schattenseiten. Vor allem die Konsequenzen meines Weglaufens sind wieder spürbar. Gleichzeitig bin ich unglaublich dankbar für meine Freunde, die mich alle bedingungslos unterstützen. Manchmal weiß ich gar nicht womit ich das verdient habe. Ich fühle mich sehr verbunden und weniger abgetrennt.

Ich habe schon viel über Veränderungen geschrieben, nur war ich leider immer zugedröhnt, deswegen konnte ich mir meine Worte selbst nicht abkaufen. Nett gemeint, aber trotzdem geheuchelt. Natürlich will ich mein Leben schon seit langem gerade biegen, habe aber nie die Kurve gekriegt. Stattdessen bin ich Anfang letzten Jahres, als ich von Freiburg wieder nach München (meine Heimatstadt) gezogen bin, so richtig übel abgestürzt. Ich dachte es wäre eine gute Idee mich selbst mit den Medikamenten meiner Mutter zu therapieren. Und Ende letzten Jahres bis Ende Mai diesen Jahres, habe ich wöchentlich bestimmt vier Tage damit verbracht im Nachtleben einzutauchen.

Hätte ich mich auf zuhause gefreut, so hätte ich einen epileptischen Krampfanfall eventuell verhindern können. Ich habe keine Epilepsie. Ich habe von Mittwoch bis Freitag Speed gezogen, ohne mich einmal hinzulegen, ohne Wasser zu trinken und ohne etwas zu essen. Es ging mir gut, dort an diesem Ort. Lauter interessante Menschen in den Containern, Kunst bestaunen, Musik machen, lachen und ganz viel reden. Dafür musste ich teuer bezahlen, um es drastischer auszudrücken: Ich hätte auch mein Leben verlieren können. Ich habe mitbekommen wie ich anfing zu zucken, dann bin ich schnell in den Atelier-Container gerannt, zum Sofa, und bin etwa zehn Minuten später in meinem eigenen Urin aufgewacht, während lauter Menschen vor mir standen, darunter auch zwei Sanitäter. Ich hatte also einen Krampfanfall. Ich bin noch immer unglaublich dankbar für die Menschen die mir an jenem Tage so geholfen haben. Der liebe Mensch, der mit mir ins Krankenhaus gefahren ist. Eine andere liebe Seele, die erste Hilfe geleistet hat. Meine Freunde, die sich erkundigt haben. Die liebe Seele, die mich aus dem Krankenhaus am nächsten Tag abgeholt hat.

Ich habe Glück im Unglück gehabt, denn ich war nie alleine. Man hat sich um mich gekümmert.

Trotzdem hat dieser Vorfall schwere Spuren in mir hinterlassen. Das merke ich allerdings erst, seitdem ich keine Beruhigungsmittel mehr nehme. Keine Party mehr zu machen fiel mir nach dem Krampfanfall nicht sehr schwer. Auch Partydrogen konnte ich leicht aus meinem Leben weglassen.

Aber keine Benzos mehr zu nehmen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Denn ich war abhängig. Und das schon seit mehr als einem Jahr. Ich habe ziemlich viel an einem Tag geschluckt und spürte sofort Entzugserscheinungen, wenn ich diese Tabletten nicht eingeworfen habe. 

Ich weiß nicht mehr wieso, aber ich habe mich vor 32 Tagen dazu entschieden auf eigene Faust einen kalten Entzug zu beginnen. Das war die richtige Entscheidung, aber ist dennoch nicht leicht.

Nach der zweiten Woche habe ich es endlich in die Suchtambulanz geschafft, um diesen Entzug ärztlich beobachten zu lassen. Ich wollte keinen stationären Entzug machen, denn aus dem Alltag herausgerissen zu werden ist nicht unbedingt schön.

Ich kann keinem empfehlen einen kalten Benzo Entzug auf eigene Faust zu starten. Hätte ich gewusst was auf mich zukommt, wäre ich wohl doch in eine Klinik gegangen.

Aber nun gut. Immerhin bin ich nüchtern. 

Die Entzugserscheinungen waren und sind immer noch, heftig. Die ersten zwei Wochen konnte ich nur Bett liegen. Ich dachte ständig ich würde gleich sterben. Die Welt hat sich unwirklich angefühlt, also habe ich eine Art Derealisation erfahren. Ständig hatte ich eine Sonnenbrille auf, auch in meinem Bett und auch wenn kein Sonnenstrahl den Tag durchflutete. Das Licht war viel zu hell, Geräusche viel zu laut. Autos die vorbeifuhren taten so weh in meinem Ohr, als würde ich neben einer riesigen Musikbox stehen, die nur schrille Töne von sich gibt. "Wann dreht denn mal irgendwann, irgendwer die verdammte Lautstärke runter?"

Ich konnte kaum was Essen, konnte nicht viel denken, habe eine Panikattacke nach der anderen bekommen. Schlafen war absoluter Stress. Man fühlt sich ständig schwach. Man hat eventuell Angst den Verstand zu verlieren. Rausgehen ist unmöglich, den Supermarkt konnte ich nicht betreten, U-Bahn fahren ist auch nicht drin, nicht einmal um den Block laufen war möglich.

Vor allem die Panikattacken sind sehr belastend, leider bestehen diese noch immer. Meistens habe ich Angst vor einem erneuten Krampfanfall, was die ersten drei Wochen während eines Benzo-Entzugs sogar eine realistische Angst ist. Allerdings hängt diese Angst auch stark mit meinem Erlebnis zusammen. Es ist mir schon einmal passiert, also hat mein Gehirn Angst, es könnte wieder passieren. Zwar hat der Anfall nicht wehgetan, trotzdem war es eine furchtbare, sowie demütigende Erfahrung. Der Körper ist verwirrt und empfindlich sobald man diese beruhigenden Tabletten nicht mehr einnimmt. Nach drei Wochen ist dann alles an Resten der Tabletten ausgespült. Somit werden die Entzugserscheinungen milder. Leider sind sie trotzdem noch über einen längeren Zeitraum präsent. 

Bei mir zeigt sich das vor allem durch Schlafprobleme und Panikattacken. Alle anderen Symptome sind eigentlich kaum noch spürbar. 

Die Panik schießt von meinem Herzen in meinen Kopf und dann gibt es kein Entkommen mehr. Niemals hätte ich gedacht so oft in kürzester Zeit einer unkontrollierten Panik zu verfallen. Ich hatte nie Probleme mit Panikattacken. Deswegen weiß ich jetzt was es bedeutet, seine Gesundheit erst zu schätzen, wenn man nicht mehr gesund ist. Es ist frustrierend, denn ich habe das alles selbst zu verantworten. Ich habe irgendwann mal in meinem Leben die falsche Abbiegung genommen und nun muss ich eben mit den Konsequenzen klarkommen. Ich bin ja auch nicht erst seit letztem Jahr süchtig. Ich hatte schon immer einen Hang zur Sucht, nur waren es eben immer andere Substanzen oder Verhaltensweisen. Und es gibt auch Gründe warum ich nie nüchtern sein wollte.

Das wird also eine längere Geschichte. 

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